„America knows everything“

von Johannes Niederhauser | Okt. 11 2013

Wenn du schon mal in die USA gereist bist, dann weißt du, wie unfassbar unfreundlich die US-amerikanischen Grenzbeamten sein können. Wie unfassbar asozial sie allerdings wirklich sind, musste ich Mitte August am eigenen Leib erfahren: Mit einer Leibesvisitation am Minneapolis Airport, drei Stunden Horrorverhör und schließlich der Ausweisung zurück nach Europa.

Um zu erklären, wie es dazu kam, muss ich ein bisschen ausholen. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die rumrennen und sich über die „oberflächlichen“, „kulturlosen“, „dummen“ oder sonst-was Amerikaner aufregen. Im Gegenteil. Mir gefällt die US-amerikanische Kultur. Vor allem die Musik. Johnny Cash, Elvis Presley, Tom Waits, Bruce Springsteen ... das sind meine Helden. Einer meiner größten Träume ging in Erfüllung, als ich vor zwei Jahren ein Stipendium für die University of Washington in Seattle bekam, um dort für ein halbes Jahr zu studieren und zu leben. Jetzt wollte ich mir einen anderen Traum erfüllen: Da ich selbst Musik mache, hatte ich vor, auf den Spuren meiner Vorbilder mehrere Wochen lang durch die Südstaaten zu reisen. Inspiriert von meinen Eindrücken hatte ich vor, die letzte Woche meines Trips dafür zu nutzen, in irgendeinem abgelegenen Motel am Mississippi meine neue CD aufzunehmen. Den Trip will ich schon seit Jahren machen.

Um die Musikszene dort wirklich kennenzulernen, hatte ich mich per E-Mail bemüht, ein paar unbezahlte Shows zu bekommen. Drei der fünf waren in Nashville. Bei einer hätte es als Bezahlung ein warmes Essen gegeben und ein Tip-Jar. Nach meiner Rückkehr aus den USA wollte ich für Noisey einen mehrteiligen Reisebericht über die Musikszene und die große Musikgeschichte des Südens schreiben. Zudem wollte ich auch endlich mal meine Tante in Alabama, die seit 50 Jahren in den USA lebt, besuchen und kennenlernen.

Vor meinem Besuch der Südstaaten hatten meine Freundin und ich auch noch vor, zusammen durch Kalifornien reisen. Da ich in London lebe und sie in Konstanz, sind wir getrennt voneinander in die USA geflogen und wollten uns am Flughafen von Los Angeles treffen.
Doch dazu kam es nie.



Der Grenzbeamte, der meinen Pass kontrollierte, schaute auf meine Gitarre und fragte: „Are you a musician?“ Darauf meinte ich, dass ich Hobbymusiker bin.

Er wollte wissen, wann ich das letzte Mal in den USA gewesen sei. Ich antwortete: „2011 für einen Studienaufenthalt in Seattle.“ „WHAT DID YOU DO THAT FOR?“ Ich schreckte zurück und wusste nicht, was ich sagen sollte. Der Grenzbeamte suchte daraufhin nach meinem Studentenvisum in meinem Pass. Als er das seit zwei Jahren ungültige Visum entdeckt hatte (das Ablaufdatum steht groß drauf), blickte er mich an und strich das Visum erstmal durch.



Er ließ mich dann wissen, dass seine Kollegen noch mehr Fragen für mich haben würden.

Ich wurde in einen Raum gebracht, in dem noch andere Terrorverdächtige warten mussten. Mir fiel ein indischer Junge Anfang zwanzig am Ende des Raumes auf. Später erfuhr ich von ihm, dass er wohl fast einen Tag lang bei Chips und Wasser dort festgehalten wurde.
In dem Vorraum saß dazu noch eine Familie mit einem Kleinkind von vielleicht zwei Jahren, das quengelte und weinte. Keiner traute sich zu sprechen. Aus dem gleichen Flugzeug, mit dem ich gekommen war, wurde auch eine dürre etwa 70-jährige britische Frau herausgezogen. Ich hatte mich mit ihr im Flugzeug kurz unterhalten. Sie wollte ihre Tochter besuchen. „WHY ARE YOU VISITING YOUR DAUGHTER?“, ging sie James B., der Grenzbeamte, der später auch mich befragen sollte, harsch an.

Meinen Anschlussflug zu verpassen, war während der ersten halben Stunde, in der ich warten musste, noch meine größte Sorge. Ich wollte meine Freundin in L.A. auf keinen Fall unnötig warten lassen. Zumal es ihr erster Besuch in den USA war und unser Hotel weit weg vom Flughafen lag.

Der Grenzbeamte James, der auf seinem Unterarm ein hässliches Totenkopftattoo hatte, rief mich an den Schalter. Er fragte, warum ich in die Vereinigten Staaten komme. Ich antwortete ihm ähnlich wie zuvor schon seinem Kollegen, dass ich erst mit meiner Freundin durch Kalifornien reisen will und später alleine durch die Südstaaten. Wofür ich die Gitarre dabei habe, möchte er wissen. Darauf antwortete ich ihm, dass ich primär aufnehmen will, dafür auch Equipment dabei habe, und eben ein paar kleine Shows spielen möchte.

Er fragte mich, was mein Beruf sei. Ich antwortete ihm wahrheitsgemäß, dass ich Student am King’s College London bin. Und nebenher schreibe. Doch er schien mir nicht zu glauben und schnaufte abfällig. Für ihn und seine Crew war ich vermutlich bereits als Profimusiker abgestempelt, der mit seiner Musik unermesslich reich wird. Schön wär’s.

James sagte zu mir „off-the-record“, dass sie mich direkt ins Gefängnis werfen könnten. Ohne Richter, ohne alles. Daraufhin war ich komplett geschockt. Schlagartig wurde mir klar, dass es jetzt nicht mehr darum ging, den Flug zu erwischen, sondern aus dieser Situation irgendwie heil rauszukommen. Horrorbilder von US-amerikanischen Gefängnissen schossen mir sofort durch den Kopf. Ich wusste nicht, was genau das Problem war und was mit mir passieren sollte.

James befahl mir nach seiner Androhung, wieder im Warteraum Platz zu nehmen. Irgendwann wurde ich von einem anderen Grenzbeamten aufgefordert, meine Reisetasche zu holen. Sie wollten sie nämlich genau untersuchen.

Im Verhörraum zog James dann einen Zettel hervor, auf dem meine fünf Showtermine standen. Woher sie die einzelnen Daten hätten, möchte ich wissen. „America knows everything“, war seine Antwort. Sie wissen auch von meinem Künstlernamen „John Vouloir“, den ich ihnen bis dahin nicht genannt hatte, denn mich hatte keiner danach gefragt. Ich sagte ihm, wenn das ein Problem ist, Shows umsonst zu spielen, dann sage ich sie gerne ab. Das war ihm aber nicht gut genug.


Flugticket eindeutig mit Rückflug

Mittlerweile sah ich mich bereits im Gefängnis sitzen. Letztes Jahr erging es einem britischen Touristen so, der getwittert hatte, dass er in L.A. Marilyn Monroe ausgraben möchte. Ein dummer Scherz führte dazu, dass er eine Nacht in einem Gefängnis verbringen musste. Zuvor suchten die Grenzbeamten tatsächlich noch nach Schaufeln in seinem Gepäck.

Letztes Jahr konnten sich die USA noch rausreden, sie hätten einen geheimen Tipp über den Spaßtweet bekommen. Nachdem Edward Snowden PRISM bekannt gemacht hat, ist klar, dass die USA wirklich alles mitlesen, was auch nur halbwegs gefährlich zu sein scheint. Also vorausgesetzt natürlich, dass du komplett paranoid bist.

Als nächstes musste ich eine Leibesvisitation über mich ergehen lassen. Ich wurde ohne Vorwarnung in einen Raum geführt, der aussah wie aus einem schlechten FBI-Film. Toilette, Waschbecken und Liege aus Stahl. Mir brach sofort der Schweiß aus. Ich dachte, ich werde da jetzt festgehalten. Zu diesem Zeitpunkt war mir immer noch nicht klar gesagt worden, was eigentlich genau das Problem war. Ich musste mich ausziehen und dann das volle Programm. Der ekelhaft fette Beamte, nicht James, schnaufte schwer dabei. Sie fanden natürlich nichts. Ebenso wenig wie in meiner Tasche. Obwohl sie sich die Mühe machten, meine Kondome zu durchstechen und mein Parfüm auszuleeren. Es könnte ja darin irgendeine Droge aufbewahrt sein. Die Beamten wühlten ohne mein Beisein durch mein Gepäck.

Nachdem ich mich wieder angezogen hatte, wurde ich wieder verhört. Ich saß nun mittlerweile seit etwa drei Stunden fest und wusste, dass meine Freundin jetzt bereits in L.A. auf mich wartete, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, wo ich bleibe. Mein englisches Handy ging in den USA leider nicht. James interessierte das null.

Er meinte, ich könne nur eine amerikanische Nummer kontaktieren. Ich erwiderte, dass ich dann gerne meine Tante in Alabama anrufen würde. Daraufhin meinte er nur, ich solle nicht lügen. Die gebe es ja gar nicht. Ich sagte ihm, dass einer der Hauptgründe für die Reise ein Besuch meiner Tante ist. Aber er winkte nur ab und ignorierte den Fakt einfach. Ich war mit meiner Tante und ihrem Ehemann vorher in E-Mail-Kontakt gewesen, um auszumachen, wann ich komme und was wir zusammen unternehmen wollen. Das haben sie wohl dann nicht mitgelesen ...
Als ich ihn darauf hinwies, dass meine Freundin sich Sorgen macht, wenn sie stundenlang auf mich warten müsste, fragte James: „IS YOUR GIRLFRIEND AMERICAN?“ Worauf ich ihm antwortete, dass ich ihm bereits erklärt habe, dass sie Deutsche ist.

Dann kam das offizielle Verhör. James stellte mir alle möglichen Fragen und tippte ungeschickt und sichtlich zu wenig mit. Wie dumm er eigentlich war, fiel mir auf, als er mich ernsthaft fragte, ob ich „Full-Time“- oder „Part-Time“-Musiker sei. Ich hatte davor bereits mehrfach ausgesagt, dass ich Hobbymusiker bin und kein Geld mit meiner Musik verdiene.

Das Beste am offiziellen Verhör aber war—und noch immer wusste ich nicht, was mit mir passieren wird—, dass nach etwa zehn Minuten eine seiner Kolleginnen in den Raum kam und James dazu aufforderte, sich zu beeilen. Er habe nur noch etwa fünf Minuten Zeit, das Verhör zu beenden. James fragte daraufhin immer schneller und tippte immer ungenauer mit. Am Schluss gab er mir das Protokoll, das ich ungelesen unterschreiben musste. Ebenso musste ich eine Erklärung unterschreiben, auf der stand, dass ich das Protokoll gelesen hatte und damit einverstanden war. „Go quick, go quick!“ 

Das Resultat war, dass mir die Einreise verweigert wurde, weil ich auf einem unangemeldeten Business-Trip sei. Die Bezahlung in Form eines warmen Essens bei einer der Shows in Nashville in einem Restaurant mit zehn Tischen ist anscheinend illegal.

James wurde kurz vor meiner Deportierung sichtlich nervös. Er fragte mich, ob ich sicher sei, dass ich nicht noch mehr Gepäck habe. Vermutlich waren sie sich ganz sicher, dass ich zig Tonnen illegale Substanzen und Merchandise dabei hatte, und fanden zu ihrer Enttäuschung aber nichts dergleichen. Ich versicherte ihm, dass ich nur eine Tasche hatte.

Unter Zeitdruck musste ich eben diese packen. Noch immer wusste ich nicht genau, wohin ich jetzt geschickt werde oder ob ich doch noch eine Nacht (oder Nächte) in einem Knast verbringen muss. Nur dass ich nicht einreisen darf, das wusste ich jetzt endlich nach etwa drei Stunden Ungewissheit. Meinen Pass hatten auch immer noch die Grenzbeamten.

Der indische Junge und ich wurden dann zusammen zu einem Flugzeug eskortiert—einem normalen Linienflug nach Amsterdam. Auf dem Weg dorthin fragte ich die Beamten, ob ich mich kurz ins WLAN einloggen dürfe, um meiner Freundin bei WhatsApp oder per E-Mail zu schreiben, was passiert war. Ich durfte es nicht. Dafür sei keine Zeit. Wir wurden in das Flugzeug von Delta gebracht. Das startete zwar erst eine Stunde später, aber das Einloggen ins WLAN hätte zu lange gedauert. Meinen Reisepass und die Tickets erhielt ich immer noch nicht. Das hatten die Beamten den Stewardessen übergeben.



In L.A. hatte meine Freundin in der Zwischenzeit beim Warten einen Amerikaner kennengelernt, der seine Freundin abholte, die von Paris auch über Minneapolis nach L.A. kommen sollte. Mir war während des Wartens zwischen den Verhören ein braunhaariges Mädchen aufgefallen, das zu ihrem Freund fliegen wollte.

Sie selbst war Französin. Als sie mit über vier Stunden Verspätung in Los Angeles ankam, brach sie vor ihrem Freund und meiner Freundin, die immer noch auf mich wartete, in Tränen aus. Die Beamten hatten sie anscheinend stundenlang verhört und ihr intime Fragen zu ihrer Beziehung und ihrem Sexualleben gestellt. Davon berichtete mir meine Freundin später. Die USA hatten vermutlich über Facebook von der Beziehung gewusst.

Ich gehe davon aus, dass in meinem Falle E-Mails mitgelesen worden waren, die ich an einige Bars geschrieben hatte. Das US-Generalkonsulat in München war nicht bereit, irgendeine Stellungnahme zu meinem Fall abzugeben oder mir ernsthaft zu helfen, herauszufinden, ob und wie stark in meine Privatsphäre eingedrungen worden war.

 

Das Verhalten der Grenzbeamten wollten sie auch nicht kommentieren. Ungeschickt und anonym wichen sie mir in ihren E-Mails aus. Sie behaupteten, ich habe mich „an die konsularische Abteilung des U.S. Generalkonsulats gewandt“, wo man „lediglich Anträge auf Nichteinwanderungsvisa bearbeitet werden.“ Das stimmt natürlich nicht. Denn meine erste E-Mail hatte ich an die Pressestelle geschickt, um eine Stellungnahme zu bekommen. Wenigstens eine kleine Entschuldigung.



Die Frage ist, wieso bin ich ins Visier der USA geraten? Wegen zwei kritischer Artikel über Obama vielleicht? Für VICE hatte ich 2012 vor den US-Wahlen einen kurzen Kommentar über Obama und Romney verfasst, der Obama als kalten Realpolitiker bezeichnet, der mit idealistischen Floskeln die Ziele Amerikas eiskalt verfolgt. Auf meinem eigenen Blog wyme beschrieb ich Obama als Cyberwarlord und Demagogen, der eben verstanden hat, dass man heute viel billiger Krieg führen kann und es deshalb auch keine Atomwaffen mehr braucht. Ein zynischer Kommentar durchaus. Anti-Amerikanismus kann mir aber nicht vorgeworfen werden. Nur mit manchen ihrer politischen Entscheidungen bin ich nicht einverstanden. Drohnenkrieg und Guantanamo zum Beispiel. Aber wer findet sich schon gerne mit institutionalisierter Folter oder dem geheimen Töten von Menschen durch ferngesteuerte Flugzeuge ab? So viel Kritik sollte eine Demokratie schon aushalten.

Erst als wir in Amsterdam gelandet waren, wurde mir endlich wieder mein Reisepass gegeben. In dem Umschlag war dann auch ein Ticket nach London. Der indische Junge hatte keine Ahnung, wie es weitergehen sollte. Ich selbst musste zum Anschlussflug hetzen.
Ich rief meine Freundin schnell via Skype an. Sie war mittlerweile in unserem Hotel in L.A. Dort war es circa 4 Uhr früh. Sie brach sofort in Tränen aus und hatte panische Angst. Sie wusste nicht, was jetzt passieren würde. Ich versuchte, sie zu beruhigen, und buchte noch am Flughafen Amsterdam einen Rückflug für sie. Nach fast 40 Stunden ohne Schlaf kam ich in London an. Von dort aus buchte ich erst mal einen Flug nach Deutschland, um meine Familie zu sehen.

Für mich bedeutet der Vorfall, dass ich erstmal nicht mehr in die USA einreisen darf und auch meine Tante dort nicht besuchen kann. Nur wenn ich ein sogenanntes B-Visum bekomme, darf ich wieder rein. Diese sind aber äußerst schwierig zu bekommen.

Auch mein Vorhaben, in den USA einen PhD zu machen, kann ich vergessen. Ich werde auch als junger Akademiker nicht mehr an Konferenzen dort teilnehmen können, wie ich das 2011 in Boston getan hatte.

Mir wird jedes mal übel, wenn ich Menschen in Uniform sehe. Als ich vor zwei Wochen von München zurück nach London flog, brach mir im Flughafen der kalte Angstschweiß aus. Ich glaubte, Polizisten oder Airlineangestellte könnten mich jederzeit grundlos in ein Hinterzimmer ziehen und mich irgendeiner Sache beschuldigen. Doch die deutschen Grenz- und Sicherheitsbeamten grüßten mich zum Glück nur freundlich auf Bayerisch und wünschten mir einen guten Flug.

Es gibt kaum ein Land, das mich von Kindheit an so fasziniert hat wie die USA und nach dem ich solch eine Sehnsucht hatte. Was mir bleibt, sind meine Erinnerungen und die Hoffnung, dass die Vereinigten Staaten von Amerika irgendwann wieder weniger ängstlich mit seinen Gästen umgehen. Und ich bin anscheinend nicht der Einzige.

 

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